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Eine Welt ohne Hunger bis 2030? | Welternährung | bpb.de

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Eine Welt ohne Hunger bis 2030? Stand und Perspektiven für das Sustainable Development Goal 2

Matin Qaim

/ 16 Minuten zu lesen

Hunger ist nach wie vor weit verbreitet, während die Ernährungssysteme erheblich zu globalen Umwelt- und Klimaproblemen beitragen. Nur wenn produktions- und konsumseitige Ansätze gleichzeitig verfolgt werden, kann eine Welt ohne Hunger Wirklichkeit werden.

Hunger und Mangelernährung sind über die Jahrtausende hinweg stets unliebsame Begleiter der Menschheit gewesen. Historisch betrachtet war immer ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt, was zu hohen Krankheits- und Sterblichkeitsraten und einer niedrigen Lebenserwartung beitrug. In den vergangenen rund hundert Jahren hat sich die Situation aber deutlich verbessert, zunächst in den Industrieländern und später auch in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Während Mitte des 20. Jahrhunderts noch die Hälfte der Weltbevölkerung von Hunger betroffen war, sind es heute nur noch zehn Prozent (Abbildung) – und das, obwohl die Weltbevölkerung sich im gleichen Zeitraum verdreifacht hat. Maßgeblich hierfür war der technische Fortschritt in der Landwirtschaft, vor allem die Züchtung neuer Sorten und die Entwicklung in den Bereichen Düngung, Pflanzenschutz und Bewässerung. In vielen Regionen konnten die Erträge mehr als verdreifacht werden. Dieser Produktionsschub wird oft als "grüne Revolution" bezeichnet und hat die Versorgung der Weltbevölkerung mit Grundnahrungsmitteln erheblich gesteigert.

Das Millenniumsentwicklungsziel der Vereinten Nationen, den Anteil der weltweit hungernden Menschen zwischen 1990 und 2015 zu halbieren, wurde erreicht. Dieser Trend machte Mut und führte 2015 im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zur Verabschiedung des SDG-02 "Zero Hunger": eine Welt ohne Hunger bis 2030. Leider zeigen die jüngeren Entwicklungen aber, dass es auch Rückschläge geben kann: Seit 2015 stagniert der Anteil hungernder Menschen und stieg zuletzt sogar wieder an (Abbildung). Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist der Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft zurückgegangen, zum anderen tragen unterschiedliche Krisen wie der Klimawandel, die Corona-Pandemie und kriegerische Konflikte dazu bei, dass sich die Lage wieder verschlechtert hat.

Bis 2030 wird eine Welt ohne Hunger nun kaum noch zu erreichen sein. Das sollte aber nicht zu Pessimismus führen, denn das Ziel bleibt in den kommenden 10 bis 15 Jahren prinzipiell erreichbar. Im Folgenden werde ich erläutern, wie sich die weltweite Ernährungslage aktuell darstellt und was getan werden muss, um eine nachhaltige Ernährung für alle Menschen sicherzustellen.

Globale Ernährungslage

Derzeit hungern weltweit fast 830 Millionen Menschen, die meisten davon in Asien und Afrika. Die Trends sind aber geografisch sehr unterschiedlich: Während die Zahl hungernder Menschen in Asien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken ist, steigt sie in Afrika weiterhin an. Ein Hauptgrund für diese Unterschiede liegt darin, dass die landwirtschaftlichen Erträge in Afrika seit Jahrzehnten kaum zugenommen haben. Verbesserte Sorten und Technologien, die in Asien und anderen Regionen der Welt weit verbreitet sind, werden in Afrika bisher kaum genutzt. Zum Teil liegt das daran, dass geeignete Sorten für den afrikanischen Kontext erst viel später entwickelt wurden als für andere Regionen. Hinzu kommt, dass in Afrika die Infrastruktur weniger gut ausgebaut ist, Märkte schlechter funktionieren, weniger Geld in Forschung und Innovation fließt und es mehr politische Unruhen gibt. All dies sind Faktoren, die landwirtschaftliche Entwicklung und Fortschritt in der Hungerbekämpfung hemmen. Solche Hemmnisse müssen durch gezielte Entwicklungsbemühungen überwunden werden.

Aber auch global betrachtet stagniert der Fortschritt in der Hungerbekämpfung derzeit. Zwischen 2019 und 2022 stiegen sowohl der Anteil als auch die absolute Zahl der weltweit hungernden Menschen sogar wieder an, unter anderem aufgrund der Corona-Pandemie und der damit zusammenhängenden Lockdown-Maßnahmen. Insbesondere arme Menschen im Globalen Süden, die oft im informellen Sektor beschäftigt sind, verloren teilweise über Monate hinweg ihre Beschäftigung und damit ihre Einkommensgrundlage. Hunger ist nicht nur eine Frage der landwirtschaftlichen Produktion, sondern auch des ökonomischen Zugangs zu den produzierten Lebensmitteln. Insofern gehen Einkommenseinbußen unmittelbar mit steigenden Hungerzahlen einher.

Hinzu kommt, dass die Folgen des Klimawandels in einigen Teilen der Welt bereits deutlich spürbar werden. Das merken wir in Deutschland, aber anderswo noch viel stärker. Vor allem in tropischen Regionen treten Wetterextreme wie Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme häufiger auf und vernichten die Ernten. Darunter leiden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, deren Lebensgrundlage unmittelbar von der landwirtschaftlichen Produktion abhängt, besonders stark. Häufigere Missernten verknappen aber auch das Angebot an Lebensmitteln und verteuern die Preise, sodass für städtische Konsumentinnen und Konsumenten der Zugang ebenfalls erschwert wird.

Hohe Energie- und Düngemittelpreise sowie Verwerfungen auf den internationalen Märkten tragen ihren eigenen Teil zum Anstieg der Hungerzahlen bei. 2022 waren die Preise für Lebensmittel höher als jemals zuvor. Zu einer ohnehin angespannten Lage kam ab Ende Februar der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hinzu, in dessen Zuge die Lebensmittelexporte aus der Schwarzmeerregion zeitweise zum Erliegen kamen. Seit dem Sommer 2022 sind die Preise wieder etwas zurückgegangen, die Lage bleibt jedoch insgesamt angespannt.

Bei den 830 Millionen hungernden Menschen geht es vor allem um einen nicht ausreichenden Zugang zu Kalorien. Der menschliche Körper benötigt aber nicht nur Kalorien, sondern auch eine Reihe von Mikronährstoffen wie Eisen, Zink, andere Spurenelemente und Vitamine. Mikronährstoffmangel wird nicht durch ein Hungergefühl wahrgenommen, kann aber ebenso schlimme gesundheitliche Folgen haben. Weltweit leiden über zwei Milliarden Menschen an Mikronährstoffmangel, weil sie sich eine ausgewogene Ernährung nicht leisten können. Ein zu einseitiger Fokus auf stärkehaltige Grundnahrungsmittel, der vor allem in armen Bevölkerungsschichten zu beobachten ist, kann dazu führen, dass zwar ausreichend Kalorien, aber zu wenig Mikronährstoffe aufgenommen werden.

Ein weiteres Ernährungsproblem ist eine zu hohe Kalorienaufnahme, die zu Übergewicht und Adipositas führt – ebenfalls mit schwerwiegenden Gesundheitsfolgen besonders im Bereich chronischer Krankheiten. Bis vor rund zwanzig Jahren waren Übergewicht und Adipositas vor allem in den reicheren Teilen der Welt verbreitet, doch inzwischen tritt das Problem auch zunehmend in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. Besonders betroffen sind die unteren Mittelschichten, die sich zwar ausreichend Kalorien leisten können, aber nicht über genügend Einkommen und Wissen verfügen, um sich ausgewogen zu ernähren. So treten Übergewicht und Mikronährstoffmangel oftmals bei denselben Personen und innerhalb der gleichen Haushalte auf.

Den Hunger in all seinen Formen zu beenden und die Ernährung zu verbessern, muss sich auf alle drei Ausprägungen der Fehlernährung – also Kalorienmangel, Mikronährstoffmangel und Übergewicht – beziehen. Ziel muss sein, dass sich alle Menschen gesund und ausgewogen ernähren können.

Planetare Grenzen

Unser Planet Erde hat nur begrenzte natürliche Ressourcen und Kapazitäten wie fruchtbares Land, Süßwasser, Artenvielfalt und Klimaresilienz, die wir nicht überstrapazieren dürfen, um unsere eigenen Lebensgrundlagen nicht zu gefährden. Die Landwirtschaft ist die größte Nutzerin knapper Land- und Wasserressourcen. Sie trägt auch in erheblichem Maße zum globalen Klimawandel, zum Verlust von Wäldern, zur Gewässereutrophierung und zum Artenschwund bei. Diese Umwelt- und Klimaprobleme werden sich zunehmend verschärfen, wenn die Produktion ohne grundlegende technologische Veränderung weiter gesteigert wird. Die Produktion muss aber gesteigert werden, weil die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln weiterhin wächst. Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf vermutlich 9,7 Milliarden Menschen anwachsen und in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts bei rund 10,5 Milliarden Menschen ihren Höhepunkt erreichen.

Über den Nahrungsmittelsektor hinaus wird die Nachfrage nach Agrarprodukten aber auch durch andere Sektoren angeheizt, etwa für Biosprit und andere nachwachsende Rohstoffe. Der Anbau und die Nutzung nachwachsender Rohstoffe dürften bei der anstehenden Transformation von Volkswirtschaften weg von Erdöl, Gas und Kohle als Energieträger an Bedeutung weiter zunehmen. Dabei muss ein möglicher Zielkonflikt zwischen nachhaltiger Rohstoffnutzung und Ernährungssicherung im Blick behalten werden.

Die größten Umwelt- und Klimaprobleme der Landwirtschaft entstehen durch die zusätzliche Umwandlung von Naturland in Ackerland, etwa durch das Abholzen von Wäldern oder das Trockenlegen von Mooren. Dabei geht erhebliche Artenvielfalt verloren, und es werden große Mengen an Kohlenstoff freigesetzt. Ziel muss sein, die weitere Flächenausdehnung zu reduzieren und umzukehren. Auf der bereits genutzten Ackerfläche müssen also höhere Erträge erzielt werden.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden höhere Erträge unter anderem durch den Einsatz von immer mehr Chemie erzielt, beispielsweise durch verstärkte mineralische Düngung und synthetische Pflanzenschutzmittel. Vor allem in Asien wurde auch die Bewässerung deutlich intensiviert. Diese Intensivierung und teilweise Übernutzung chemischer Inputs hat zu erheblichen Umweltproblemen geführt, sodass die Verwendung von immer mehr Chemie kaum die Lösung für die Zukunft sein kann.

Einfache Tricks reichen nicht

In der öffentlichen Diskussion entsteht manchmal der Eindruck, dass die globale Ernährungssicherung durch ein paar einfache Tricks gewährleistet werden könnte. So wird etwa argumentiert, dass man nur Verluste und Verschwendung reduzieren müsse, damit alle genug zu essen hätten. Andere wiederum meinen, dass neue Technologien alle Probleme lösen würden. Auch die Ansicht, Hunger sei gar kein Mengen-, sondern lediglich ein Verteilungsproblem, ist weit verbreitet. Richtig ist, dass derzeit weltweit genügend Kalorien produziert werden, sodass bei einer theoretischen Gleichverteilung niemand unter Kalorienmangel leiden müsste. Für eine Reihe von wichtigen Mikronährstoffen geht diese Rechnung allerdings nicht auf. Außerdem sind solche Kalkulationen stets Momentaufnahmen, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Weltbevölkerung weiter wächst. Die globalen Ernährungsprobleme sind tatsächlich nicht so einfach zu lösen. Nur durch das Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Maßnahmen kann eine Welt ohne Hunger Realität werden.

Armutsbekämpfung und soziale Sicherung

Viele Menschen – vor allem im Globalen Süden – sind schlichtweg zu arm, um sich ausgewogen mit Lebensmitteln zu versorgen. Deswegen muss die Armutsbekämpfung hohe Priorität haben. Das erfordert, insbesondere diejenigen wirtschaftlichen Sektoren zu fördern, aus denen viele arme Menschen ihr Einkommen beziehen – in Afrika und weiten Teilen Asiens also vor allem die kleinbäuerliche Landwirtschaft. In diesen Regionen hat wirtschaftliches Wachstum in der Landwirtschaft einen viel größeren Effekt auf Armuts- und Hungerreduktion als Wachstum in anderen Wirtschaftssektoren. Verbesserte Straßeninfrastruktur, Marktanbindung, angepasste Technologie sowie Zugang zu Krediten und landwirtschaftlicher Beratung sind besonders wichtige Ansätze zur Förderung des kleinbäuerlichen Sektors.

Neben der Landwirtschaft ist auch die Förderung anderer arbeitsintensiver Sektoren, die viele Menschen mit geringer Ausbildung beschäftigen, wichtig für die Armutsbekämpfung. Ebenso muss die Ausbildung armer Menschen verbessert werden. Außerdem müssen soziale Sicherungssysteme ausgebaut werden, um in akuten Notsituationen – ausgelöst etwa durch Klimakatastrophen oder Pandemien – kurzfristig helfen zu können. Solche Sicherungssysteme sind in den meisten armen Ländern bisher wenig entwickelt.

Steigerung der Produktion

Die weltweite Nahrungsmittelproduktion wird in den kommenden Jahrzehnten weiter gesteigert werden müssen. Es geht nicht nur darum, nach theoretischen Berechnungen genug zu produzieren, sondern die produzierten Nahrungsmittel auch für arme Menschen erschwinglich zu machen. Wenn die Nachfrage schneller wächst als das Angebot, steigen die Preise. Das führt in vielen Teilen der Welt zu mehr Hunger und Mangelernährung. Reiche Menschen können sich auch bei steigenden Preisen ausreichend versorgen, während arme Menschen, die ohnehin einen Großteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen, den Konsum weiter einschränken müssen.

Die Ertragssteigerungen der vergangenen Jahrzehnte waren eine wesentliche Triebkraft für den Fortschritt in der weltweiten Hungerbekämpfung und bleiben für die Verbesserung der Ernährungssituation auch weiterhin zentral. Allerdings müssen zwei wesentliche Nachteile bisheriger Entwicklungen angegangen werden: Zum einen müssen Ertragssteigerungen zukünftig mit weniger Chemie und Bewässerung erreicht werden. Zum anderen dürfen die Entwicklungen nicht auf wenige Getreidearten beschränkt bleiben, sondern müssen ein breites Spektrum von Nahrungspflanzen umfassen, um sowohl die Felder als auch die Ernährung vielfältiger zu machen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Kulturpflanzen wie Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst – alles wichtige Lieferanten von Mikronährstoffen – in der Forschung und im Anbau vernachlässigt. Der starke Fokus auf Getreide hat zwar die Kalorienversorgung deutlich verbessert, aber das Problem des Mikronährstoffmangels nicht ausreichend adressiert.

Die Bedeutung von Ertragssteigerungen für nachhaltige Entwicklung wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass die Alternative für eine globale Mehrproduktion die weitere Ausdehnung der Ackerfläche wäre. Je geringer die Ertragssteigerungen pro Hektar sind, desto stärker steigen bei wachsender Nachfrage die Preise und desto größer werden die Anreize für das Abholzen von Wäldern sowie die Nutzung von Savannen und Moorflächen. Dies sind maßgebliche Treiber für Artenschwund und Klimawandel. Einem weiteren Verlust von Naturräumen muss deswegen durch hohe und steigende Erträge auf den bestehenden Ackerflächen entgegengewirkt werden.

Vor diesem Hintergrund muss auch die in Deutschland populäre Forderung nach der weiteren Ausdehnung des Ökolandbaus kritisch hinterfragt werden. Das politische Ziel, den Anteil des Ökolandbaus in Deutschland auf 30 Prozent und mehr der Fläche zu steigern, ist aus globaler Perspektive kein geeignetes Instrument zur Förderung der Nachhaltigkeit. Dadurch, dass die Erträge im Ökolandbau niedriger sind als in der konventionellen Landwirtschaft, wird für die Produktion der gleichen Menge insgesamt mehr Fläche benötigt. Folglich reicht es nicht, Umwelt- und Klimaeffekte pro Hektar zu betrachten. Wenn die niedrigeren Erträge berücksichtigt werden, relativieren sich die vermeintlichen Umweltvorteile des Ökolandbaus und kehren sich teilweise sogar um. Zudem können durch großflächige Umstellung auf Ökolandbau und damit verbundene Ertragseinbußen indirekte Landnutzungsänderungen in anderen Teilen der Welt mit negativen Biodiversitäts- und Klimaeffekten entstehen. Wenn wir beispielsweise in Deutschland und Europa weniger Getreide und Ölsaaten ernten, müssen wir mehr von anderswo importieren. Solche Importe kommen dann oftmals aus Brasilien oder Indonesien, wo zur Ausdehnung der Ackerfläche auch Regenwald gerodet wird. Das bedeutet nicht, dass der Ökolandbau in spezifischen Situationen nicht zur Nachhaltigkeit beitragen kann, allerdings sollte er nicht als Patentrezept für eine global nachhaltige Landwirtschaft missverstanden werden. Zugleich kann auch die hochintensive Landwirtschaft nicht als Patentrezept gelten.

Neue Technologien

Die Herausforderung, Erträge weiter zu steigern und dabei gleichzeitig den Einsatz knapper Ressourcen und umweltschädlicher Inputs zu reduzieren, kann nur durch die Entwicklung und Umsetzung neuer Technologien gemeistert werden. Digitale Technologien der Präzisionslandwirtschaft können hierbei eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel werden neuartige Sensoren entwickelt, die den Nährstoffbedarf und den Gesundheitszustand einzelner Pflanzen exakt erfassen und zielgerichtet entsprechende Maßnahmen auslösen. Dadurch lassen sich die Erträge weiter steigern – und zwar bei einer gleichzeitigen Einsparung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.

Ebenso bieten neue Züchtungstechnologien – inklusive der Gentechnik – große Potenziale, die Landwirtschaft ertragreicher, vielfältiger, umweltfreundlicher und klimaangepasster zu machen. Die neuen Gen-Editierungsverfahren könnten die Züchtung weiter revolutionieren, weil sie besonders präzise und kostengünstig sind und die Entwicklung neuer Merkmale in Kulturpflanzen beschleunigen. Gerade in Deutschland und Europa gibt es aber beim Thema Gentechnik in der Landwirtschaft viele Ängste und Missverständnisse. Über 30 Jahre Forschung unterstreichen, dass gentechnisch veränderte Pflanzen genauso sicher sind wie herkömmlich gezüchtete. Außerdem trägt die Gentechnik schon heute bei einigen Pflanzen zur Steigerung der Erträge und zum Einsparen von Pflanzenschutzmitteln bei – vor allem auch bei Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in China, Indien und anderen Entwicklungs- und Schwellenländern. Allerdings werden weitere Entwicklungen der Gentechnik durch gesellschaftliche Akzeptanzprobleme ausgebremst. Hier gilt es, durch verbesserte Wissenschaftskommunikation schrittweise Vorurteile abzubauen.

Wichtig ist aber auch die Erkenntnis, dass neue Technologien allein nicht die Antwort auf jedes Problem und schon gar nicht ein Ersatz für andere wichtige Ansätze sind. Nachhaltige Produktionssysteme ergeben sich nur, wenn neue Technologien mit guten Anbaupraktiken, vielfältigen Fruchtfolgen und verbesserter Organisation der Betriebe, Märkte und Wertschöpfungsketten kombiniert werden.

Nachhaltiger Konsum

Unsere Konsummuster sind in vielerlei Hinsicht nicht nachhaltig. Rund ein Viertel aller produzierten Nahrungsmittel wird nie gegessen, weil erhebliche Mengen entlang der Wertschöpfungskette bis hin zum Endverbrauch vergammeln, aussortiert oder weggeworfen werden. Das vergeudet knappe Ressourcen und erschwert die weltweite Ernährungssicherung. Deswegen ist es wichtig, Verluste und Verschwendung zu reduzieren. Das setzt eine verbesserte Technologie, Logistik und Regulierung ebenso voraus wie ein verändertes Verbraucherverhalten und eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel.

Abgesehen von Verlusten und Verschwendung ist auch unser hoher Konsum an Fleisch und anderen tierischen Produkten eine ineffiziente Verwendung knapper natürlicher Ressourcen. Tierische Lebensmittel haben einen viel größeren Umwelt- und Klimafußabdruck als pflanzliche, weil für die Produktion mehr Land, Wasser und Energie verbraucht werden und zudem viel höhere Treibhausgasemissionen entstehen. Würden alle Menschen auf der Erde so viel Fleisch und tierische Produkte konsumieren wie wir in Europa, würden die Klimaziele deutlich verfehlt werden und viele Ökosysteme kollabieren. Deswegen müssen wir in Europa unseren Fleischkonsum deutlich reduzieren und stärker auf pflanzenbasierte Ernährung umschwenken. Das bedeutet nicht, dass Veganismus für alle Menschen global die nachhaltigste Form der Ernährung wäre. Vor allem dort, wo saisonal der Zugang zu frischem Obst und Gemüse eingeschränkt ist – etwa in vielen ländlichen Regionen Afrikas und Asiens – können tierische Produkte eine wichtige Ergänzung sein, um eine ausgewogene Nährstoffversorgung sicherzustellen. Außerdem gibt es manche Ressourcen wie Gras und Pflanzenrückstände, die vom Menschen nicht verdaut werden können, sodass die Veredelung durch Tierhaltung eine gute Verwertung darstellt. Hohe Mengen an tierischen Produkten sind aber mit nachhaltiger Entwicklung kaum vereinbar, zumal übermäßiger Fleischkonsum auch Übergewicht und verschiedene chronische Krankheiten begünstigt.

Neuartige Lebensmittel und Alternativen für klassische Fleisch- und Milchprodukte – etwa Insekten, im Labor hergestelltes Fleisch oder Lebensmittel aus Fermentationsprozessen – könnten zukünftig eine gewisse Rolle spielen. Die meisten dieser neuen Lebensmittel sind aber bisher noch nicht ausgereift und am Markt etabliert, sodass ihr tatsächlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich absehbar ist.

Deutliche Veränderungen im Konsum müssen insgesamt ein zentraler Baustein für mehr Nachhaltigkeit im Ernährungssystem sein, sollten aber nicht als Argument gegen ebenfalls notwendige Produktionssteigerungen verwendet werden. Zu beachten ist auch, dass Konsum- und Ernährungsmuster sich nur langsam verändern und in demokratischen Gesellschaften nicht einfach politisch anzuordnen sind. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern steigt der Konsum tierischer Produkte derzeit stark an, anstatt zu sinken; ein weltweiter Trend hin zum Vegetarismus oder Veganismus ist kurz- und mittelfristig kaum zu erwarten.

Rolle des Agrarhandels

Der internationale Agrarhandel hat in den vergangenen Jahrzehnten eine wichtige Rolle für den Austausch zwischen Defizit- und Überschussregionen gespielt und somit positiv zur Ernährungssicherung beigetragen. Viele Länder sind aufgrund der natürlichen und demografischen Gegebenheiten nicht in der Lage, ausreichend Nahrungsmittel für ihre eigene Bevölkerung zu produzieren, sodass sie stark von Importen abhängig sind. Das gilt vor allem für eine Reihe von Ländern in Afrika und Asien, wo die Bevölkerung nach wie vor wächst und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft vermutlich besonders negativ sein werden. Natürlich sollte in diesen Ländern auch die lokale Produktion gestärkt und an den Klimawandel angepasst werden, aber Importe – vor allem von Grundnahrungsmitteln – werden für viele Länder ein wichtiger Faktor für die Ernährungssicherung der lokalen Bevölkerung bleiben. Umgekehrt ergeben sich durch offenen Handel für Entwicklungs- und Schwellenländer natürlich auch Möglichkeiten für den Anbau von Exportkulturen, von denen lokale Bäuerinnen und Bauern profitieren können. Hier ist es wichtig, die Märkte so zu gestalten, dass auch Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gewinnbringend partizipieren können. Das erfordert vor allem sichere Landrechte sowie fairen Zugang zu Krediten, Technologie und landwirtschaftlicher Beratung.

Forderungen von Globalisierungskritikerinnen und -kritikern, den Handel zu reduzieren und sich stärker auf nationale Autarkie zu konzentrieren, sind keine geeignete Strategie, um Ernährungssicherung voranzubringen. In vielen Ländern wären Hunger und Unterernährung ohne Handel deutlich schlimmer. Im Zuge des Klimawandels wird der effiziente Austausch zwischen Defizit- und Überschussregionen weiter an Bedeutung für die Ernährungssicherung zunehmen. Allerdings kann der Handel in spezifischen Situationen auch negative soziale und ökologische Folgen haben, wie wachsende Betriebsstrukturen, Marginalisierung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie Entwaldung. Solchen negativen Effekte muss durch geeignete politische Maßnahmen entgegengewirkt werden. Lieferkettengesetze mit stärkeren Nachhaltigkeitsstandards können hier eine wichtige Rolle spielen.

Fazit

Die heutigen Agrar- und Ernährungssysteme sind nicht nachhaltig. Unter- und Fehlernährung sind nach wie vor weit verbreitet, während die Nachfrage nach Nahrungsmitteln weiterhin wächst. Gleichzeitig stellen Ressourcenknappheit, ökologische Überlastung und Klimawandel neue Herausforderungen dar. Eine umfassende Transformation ist nötig, um Hunger und Fehlernährung erfolgreich zu bekämpfen und auch die anderen Dimensionen der Nachhaltigkeit entschiedener voranzutreiben. Zum einen müssen die Konsummuster gesünder und nachhaltiger werden, was weniger Verluste und Verschwendung und bei uns in Europa auch weniger Fleisch bedeutet. In Entwicklungs- und Schwellenländern muss die Armut erfolgreicher bekämpft werden. Zum anderen muss die landwirtschaftliche Produktion ertragreicher, vielfältiger, umweltfreundlicher und klimaresilienter werden. Hierbei können und müssen auch neue Technologien eine wichtige Rolle spielen. Diese Technologien müssen auch für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern nutzbar und zugänglich sein, weil der kleinbäuerliche Sektor für viele arme Menschen nach wie vor die wichtigste Einkommensquelle ist.

Einfache Patentrezepte für nachhaltige Ernährungssicherung gibt es nicht, sondern es müssen ganz unterschiedliche produktions- und konsumseitige Ansätze gleichzeitig verfolgt werden. Wenn die Prioritäten richtig gesetzt werden und wir als Gesellschaft offen für die dafür nötigen Schritte sind, ist eine Welt ohne Hunger und Fehlernährung möglich, und zwar auch innerhalb der planetaren Grenzen. Das wird voraussichtlich nicht bis 2030 gelingen, bleibt aber innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre eine realistische Perspektive.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Douglas Gollin/Casper W. Hansen/Asger M. Wingender, Two Blades of Grass: The Impact of the Green Revolution, in: Journal of Political Economy 8/2021, S. 2344–2384.

  2. Vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), The State of Food Security and Nutrition in the World, Rom 2022.

  3. Vgl. ebd.

  4. Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Climate Change and Land. Special Report, Genf 2019.

  5. Vgl. Development Initiatives, Global Nutrition Report, Bristol 2022.

  6. Vgl. Theda Gödecke/Alexander J. Stein/Matin Qaim, The Global Burden of Chronic and Hidden Hunger: Trends and Determinants, in: Global Food Security 17/2018, S. 21–29.

  7. Vgl. Development Initiatives (Anm. 5).

  8. Vgl. Global Panel on Agriculture and Food Systems for Nutrition, Future Food Systems: For People, Our Planet, and Prosperity (Foresight 2.0), London 2020.

  9. Vgl. UN Department of Economic and Social Affairs, World Population Prospects, New York 2022.

  10. Vgl. IPCC (Anm. 4).

  11. Vgl. Keith Fuglie et al., Harvesting Prosperity. Technology and Productivity Growth in Agriculture, Washington, D.C. 2020.

  12. Vgl. Nelson B. Villoria, Technology Spillovers and Land Use Change: Empirical Evidence from Global Agriculture, in: American Journal of Agricultural Economics 3/2019, S. 870–893.

  13. Vgl. Eva-Marie Meemken/Matin Qaim, Organic Agriculture, Food Security, and the Environment, in: Annual Review of Resource Economics 2018, S. 39–63.

  14. Vgl. Laurence G. Smith et al., The Greenhouse Gas Impacts of Converting Food Production in England and Wales to Organic Methods, in: Nature Communications 10/2019, Externer Link: https://doi.org/10.1038/s41467-019-12622-7.

  15. Vgl. Robert Finger et al., Precision Farming at the Nexus of Agricultural Production and the Environment, in: Annual Review of Resource Economics 2019, S. 313–335.

  16. Vgl. Matin Qaim, Role of New Plant Breeding Technologies for Food Security and Sustainable Agricultural Development, in: Applied Economic Perspectives and Policy 2/2020, S. 129–150.

  17. Vgl. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Wege zu einer wissenschaftlich begründeten, differenzierten Regulierung genomeditierter Pflanzen in der EU. Stellungnahme, Halle 2019.

  18. Vgl. Matin Qaim, Unser irrationaler Umgang mit der Grünen Gentechnik, in: Labor Journal 7–8/2022, S. 42–45.

  19. Vgl. ders./Martin C. Parlasca, Meat Consumption and Sustainability, in: Annual Review of Resource Economics 2022, S. 17–41.

  20. Vgl. Pekka Kinnunen et al., Local Food Crop Production Can Fulfil Demand for Less Than One-Third of the Population, in: Nature Food 1/2020, 229–237.

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ist Professor für Agrarökonomie und Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
mqaim@uni-bonn.de